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Von der breiten Öffentlichkeit kaum bemerkt, bietet sich den Interessierten ein grosses Geschenk an. Auf e-codices.ch kann man eines der berühmtesten Werke der Buchkunst aus der Schweiz am Bildschirm durchblättern und jedes Detail in hoher Auflösung geniessen.

 

 

Eine Seite aus dem Graduale von St. Katharinental, (fol. 3v), um 1312

 

Das Graduale von St. Katharinental, dem ehemaligen Dominikanerinnenkloster bei Diessenhofen TG, ist eine Prachthandschrift von höchster Qualität. Um 1312 entstanden, zeigt sie einen ähnlichen Stil wie die Manessische Liederhandschrift aus Zürich, heute in Heidelberg. Das Graduale befindet sich als Depositum der Gottfried Keller-Stiftung und des Kantons Thurgau im Schweizerischen Nationalmuseum in Zürich.

e-codices, Spitzenleistung eines kulturellen Nachschlagewerks

Für meine Vorträge bewege ich mich regelmässig auf websites, die Reproduktionen von Kunstwerken in guter Auflösung bieten. Google Arts & Culture oder die Collection online des Metropolitan Museums in New York zählen zu den reichsten Fundgruben für Qualitätsbilder in hoher Auflösung. Den Schweizer e-codices können die beiden amerikanischen Projekte qualitativ hingegen nicht das Wasser reichen.

Die e-codices sind ein Gemeinschaftsprojekt der Universität Fribourg und einer Reihe der wichtigsten Bibliotheken und Sammlungen der Schweiz. Ihr Ziel ist es, vorwiegend mittelalterliche handgeschriebene Bücher (Fachbegriff: Handschriften) vollständig zu digitalisieren und in vier Sprachen (dt en fr it) wissenschaftlich zu beschreiben. Gegenwärtig (Juli 2017) stehen über 1800 Bücher mit Hunderten von Seiten im Netz.

Beeindruckende Auflösung

Die Navigation in e-codices ist klar und gradlinig. Die früher erfassten Werke verfügen pro Seite über die schon beachtliche Auflösung von mehr als 4’000 Bildpunkten (Pixel) in einer Dimension, d.h. bei einer Grösse von 4’000 x 3’000 Bildpunkten insgesamt 12 Mio Pixel. Jünger ins Netz gestellte Werke erreichen eine Höhe bis 12’000 Pixel, was in der Fläche einem Total um die 100 Mio Pixel entspricht. Da erkennt man jedes Haar eines Pinselstrichs.


Abb. links: Ein Engel führt Johannes die Hand beim Schreiben des Evangeliums. Originalauflösung (komprimiert) aus der oben abgebildeten Seite.

Public Domain

Eine ähnliche Auflösung bietet zwar auch Google Arts & Culture, aber dort sind die Bilder nicht herunterladbar. Will man sie auf dem eigenen Computer verfügbar haben,  muss man beharrlich in Reihen und Kolonnen Screenshots vom ganzen Bild erstellen und diese in einem Bildbearbeitungsprogramm pixelgenau «zusammen kleben».

Anders bei e-codices. Hier steht für jede Seite ein download-Button bereit. Man braucht sich nicht einzuloggen. Die Nutzungsbestimmungen sind sehr liberal. Alles  ist unter Nennung von Bibliothek und Projekt für nicht kommerzielle Zwecke verwendbar (Creative Commons Lizenz by-nc/3.0/).

 

Erstaunlicher Bücherschatz

Was man als Nicht-Fachfrau oder -mann früher nicht einmal ahnen konnte, wird dank e-codices nun für alle einsehbar. Die Schweizer Bibliotheken verfügen über herausragende Bestände an seltenen Werken der Buchkunst,  allen voran die Stiftsbibliothek St. Gallen und die Burgerbibliothek Bern. Mit den Handschriften aus dem Kloster Allerheiligen lohnt auch die Stadtbibliothek Schaffhausen den virtuellen Besuch.

Parallelprojekte e-manuscripta und e-rara

Die Zentralbibliothek Zürich, die ETH-Bibliothek oder die Universitätsbibliothek Basel sind ebenfalls bedeutende Schatzkammern an Handschriften und Frühdrucken. Sie haben zwei eigene Projekte mit bereits gewaltigen Beständen veröffentlicht. e-manuscripta enthält die Handschriften, e-rara die Frühdrucke. Auch hier herrscht ein grosser  herausgeberischer Qualitätsanspruch, wenn auch nicht ganz auf der Höhe der e-codices. Aber in jedem Fall stürzt eine gewaltige Menge auf den Suchenden herein, und jeden Monat kommen einige hundert neu erfasste Bücher und Einzelblätter hinzu.

Viel Vergnügen beim Stöbern wünscht

Peter Jezler